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Die Entdeckung der Langsamkeit
Joan Baez auf der
Freilichtbühne im Stuttgarter Killesberg-Park
Rezension für die Eßlinger Zeitung vom 7.7.2008
Acht Jahre
George-W.-Bush-Regierung haben sie um ihren verdienten Ruhestand
gebracht. Joan Baez, die amerikanische Legende, die ergraute Ikone der
Friedensbewegung, der Gutmensch der Folkszene, macht auch im Rentenalter
weiter mit dem Weltverbessern.
Gerade auf Europa-Tournee
gab sich die 67-Jährige auch in Stuttgart, in der Freilichtbühne im
Killesberg-Park, die Ehre. Vor den gut gefüllten Stuhlreihen und in
Begleitung einer Drei-Mann-Combo tat sie das, was sie am besten kann:
Songs der Größten den Garaus zu machen. Das gelang ihr zwar auf
sympathische Art, und immer wieder plauderte sie humorig aus dem
Nähkästchen. Aber es half nichts: Ihr kantenfreier, gepflegt eintöniger
Gesang ist eher mit dem Wechsel von der Brust- in die Kopfstimme und dem
charakteristischen Vibrato in der Höhe beschäftigt, als das er auf die
unterschiedlichen Inhalte der Texte eingehen würde. Die Grand
Dame des Folk hatte an diesem Abend ohnehin leichte Probleme mit den
Stimmbändern. Da hätte sie doch lieber auf den A-cappella-Vortrag von
"Swing low, sweet chariot"
verzichtet, der ziemlich brüchig geriet. Ansonsten mussten vor allem
Songs von Bob Dylan dran glauben. "Love is just a four letter word" oder
"Farewell Angelina". Am schlimmsten traf's "With god on our side", dem
Baez alle Zähne zog und den sie mit glockenhellem Sopran in die Ecke des
amerikanischen "God is watching you"-Popkitschs verbannte. Vielleicht
will sich Baez ja auch ein bisschen an Dylan rächen, für ihre
unglückliche Liebe. Denn auch das einzige eigene Lied, das sie an diesem
Abend zum Besten gab, "Diamonds and rust", handelt von ihm.
Der Abend zog sich hin zur
unfreiwilligen Entdeckung der Langsamkeit. Ein paar Tempowechsel wären
wohl auch Michael Duclos am Bass, Dean Sharenow an den Drums und dem
Gitarristen Erik della Penna entgegengekommen. Stattdessen reihten sich
Drei- und Viertakter träge aneinander. Und zwischendurch nervte immer
wieder Baez' Endlosgestimme ihrer Gitarre.
Tom Waits' eigentlich
herzergreifendes "The day after tomorrow", das Gedanken und Sehnsüchte
eines Soldaten an der Front zum Thema hat, befreite Baez dann völlig von
seinem Sinn. Sätze wie "I am not fighting for freedom, I am
fighting for my life" werden im Baezschen We-shall-overcome-Tonfall
völlig unsinnig, weil nichts von der existenziellen Not des Betroffenen
zum Ausdruck gebracht wird. Da fragte man sich bald: Warum, verdammt
noch mal, soll denn eine Friedensbewegte nicht für den Frieden kämpfen?
Dagegen geriet John Lennons "Imagine" geradezu kitschig, zumal Erik
della Penna ein viel zu lautes Hawaii-Gitarren-Solo einflocht. Die
Lieder, mit denen Joan Baez in den 60er-Jahren so berühmt geworden ist,
passten dann doch besser zu ihrer Stimme, "Donna, Donna" oder "Sag mir,
wo die Blumen sind". Da kann man eigentlich ja auch nichts falsch
machen.
Alles in
allem also ein Konzert, dem ganz gewiss die Höhepunkte fehlten. Dennoch
wollte die Baez-Gemeinde ihre Hohepriesterin des Friedens nicht gehen
lassen. Und so musste man auch noch ein haspelig abgelesenes "Sind so
kleine Hände" über sich ergehen lassen.
© Verena
Großkreutz
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