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Introvertierter Exzentriker
Nigel Kennedy und das Polish Chamber Orchestra zu
Gast in Stuttgart
Rezension
für die Eßlinger Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten vom 3.6.2008
Es waren nicht nur die Skandale, es ist vor allem die Mischung aus
Musikclown, ernsthaftem Sologeiger und Crossover-Interpreten, die Nigel
Kennedy so populär gemacht hat. Auf allen drei Gebieten gibt es
interessantere Künstler. Aber dass sich der Brite nie wirklich für eine
Seite entschieden hat, wurde zu seinem lukrativen Markenzeichen. Es ist
das Stilmittel der Überraschung, nicht die Qualität im Einzelnen, mit
der er die oft öde-gleichförmige Klassik-Szene aufmischt.
Den Fans gefällt das. Auch seine Interpretationen von
Violinkonzerten Mozarts und Beethovens, die er jetzt im ausverkauften
Hegelsaal der Stuttgarter Liederhalle zum Besten gab. Kennedys
Selbstdarstellungsdrang lässt eine angemessene Annäherung an den Gehalt
dieser Musik allerdings nur andeutungsweise zu: Er verleibt sich die
fremden Werke ein, als hätte er sie selbst komponiert. Ein Dirigent
würde bei der Wiedergabe stören. Das Polish Chamber Orchestra folgte den
Temposchwankungen und spontanen Einfällen des 51-Jährigen gelassen,
blieb aber profillos.
Mozarts D-Dur-Konzert KV 218 versteht Kennedy als ein vages Gerüst
in einer großen Improvisation. Ein kleiner Walzer gefällig? Bitte schön!
Spontaneität widerspricht Mozarts Geist nicht, fördert ihn auf Kennedys
Art und Weise aber auch nicht zu Tage.
Wie viele Klassikmusiker, die den unangepassten Weg der
Interpretation beschreiten, schreibt sich der Mann mit der Punkfrisur
seine Solokadenzen selbst. Das macht durchaus Effekt. Wie etwa im
Kopfsatz des Mozartkonzerts, wo er die Kadenz zum Anlass für eine freie
Crossover-Improvisation nahm, in der ihm das Orchester die nötige
rhythmische Bassgrundierung und schöne Popharmonien lieferte. Da war man
plötzlich in einer völlig anderen Welt. Und Kennedy demonstrierte, was
er eigentlich am besten beherrscht: Das introvertierte Spiel, das im
krassen Gegensatz zu seinem extrovertierten Auftreten steht.
Was bei Mozart noch spielerisch wirkte, versetzte Beethovens
Violinkonzert dann allerdings den Todesstoß. Kennedys rein subjektive
Tempogestaltung nahm dem Werk seinen sinfonischen Drive und verflüssigte
die Form. Es zerfiel in einzelne schöne Gedanken, die sich spannungslos
aneinanderreihten. Den langsamen Satz dehnte Kennedy gar so sehr, dass
das Konzert als Ganzes kurz vor seinem Kollaps stand.
Das Publikum aber war hin und weg. Für die Standing Ovations
bedankte sich der Virtuose, der ein lässiges Müll-Outfit pflegt, mit
einem großangelegten Zugabenteil, in dem er die freie Form des
ungarischen Csardas als Folie für "Meine Großmutter hatte
Hundeaugen"-Witze – über die er allerdings selbst am lautesten lachte –
und einen kleinen Querschnitt durch unterschiedliche Folkstile benutzte.
Die etwas maue Adaption von Jimi Hendrix' "Purple Haze" wurde dann von
einem längeren Rundgang durch das Auditorium unterbrochen, in dem der
Geiger sein euphorisiertes Publikum in alter Alleinunterhaltertradition
punktuell persönlich begrüßte.
© Verena
Großkreutz
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