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Ein Philosoph posiert als Startenor
Paul Potts singt in der Stuttgarter Porsche-Arena
Rezension für die Esslinger
Zeitung vom 7.11.2008
Der kleine pummelige Mann im schwarzen Anzug betritt gemächlich die
Bühne der voll besetzten Stuttgarter Porsche-Arena. Die Schwaben, mit
viel Sinn für die Laiensingkultur, jubeln ihm immer wieder kräftig und
aufmunternd zu. Sie mögen ihn. Der Sängerstar, von dem man nicht genau
weiß, wie viel Gesangsausbildung er denn nun wirklich genossen hat,
heißt Paul Potts und nippt zwischen seinen Darbietungen immer mal wieder
an einem Tea-Cup oder bedankt sich lächelnd bei seinen Begleitern: der
Neuen Philharmonie Frankfurt unter Leitung von Bob Willis und der jungen
neuseeländischen Sopranistin Elizabeth Marvelly, die ihn ab und zu auf
der Bühne ablöst. In der eigentlich zugigen Porsche-Arena herrscht eine
warme und friedliche Atmosphäre.
Paul Potts hat seit dem Gewinn der britischen Casting-Show "Britain's
Got Talent", der 2007 seine märchenhaften Karriere einleitete, viele
solcher Konzerte gegeben. Das merkt man ihm an. So schüchtern, wie ihn
die Medien darstellen, ist er gar nicht. Er parliert zwischen den
Nummern britisch-humorig aus seinem Leben, als hätte er nie etwas
anderes getan, erzählt von einer Operationsnarbe, die er einmal vor
Neugierigen am Strand zur Folge einer Haifischattacke aufwertete, und
freut sich, dass die schätzungsweise 5500 Zuschauer nach der Pause alle
wiedergekommen sind. Potts bereist mit diesem Programm schon seit Anfang
des Jahres die ganze Welt. Über Youtube hat sich der Telekom-Werbespot,
in dem sein Sieg in der Casting-Show gefühlskitschig verbraten wurde,
international verbreitet. Derzeit ist Potts in den Mehrzweckhallen
dieser Welt ein gefragter Sänger.
Sein Programm orientiert sich dementsprechend durchweg an Kommerz
und Massentauglichkeit. Die Tenor-Hits aus U- und E-Musik wie "Granada",
"Ave Maria", "O sole mio", "Caruso" oder "Time to say goodby" gibt Potts
verhältnismäßig professionell zum Besten, nicht immer sauber und gut
gestützt, aber mit einem publikumswirksamen Pathos, der die Zuschauer
öfters mal aus den Sitzen reißt. Wirklich klein wird seine Stimme erst
bei den stimmtechnisch einfacheren Liedern, in den langsamen
Musicalballaden "Bring him home" aus "Les
Misérables" oder "Music of the night" aus "Phantom of the opera".
Da macht sich das Manko an Gestaltungskraft, das matte Timbre, das
fehlende Charisma am deutlichsten bemerkbar. Potts posiert, spielt den
großen Tenor, was ihm in den entsprechenden Arien die Kraft verleiht,
die hohen Töne zu stemmen. Puccinis Dauerbrenner "Nessun dorma", mit dem
der Brite die Casting-Show gewann, gibt es erst als Zugabe. Da ist
Schluss mit der nur freundlichen Zustimmung des Publikums: Da bricht
tosender Jubel aus, und die Stuttgarter üben sich in der Disziplin
Standing Ovations. Da hat sie wieder einmal der Telekom-Spot überwältigt
– jetzt natürlich vor dem inneren Auge.
Viel interessanter als Potts' stimmliche Qualitäten oder sein
medienwirksamer Aufstieg vom Mobiltelefonverkäufer zum Millionär ist
allerdings die Tatsache, dass er eigentlich ein diplomierter Philosoph
ist. Da fragt man sich, wie jemand, der wie alle Philosophen Freude am
Denken hat, sich mit der Welt der Helmut Lottis und André Rieus
arrangieren kann und freiwillig durch Talkshows und TV-Shows tingelt, um
sich immer wieder dieselbe Frage stellen zu lassen: Wie es denn sei,
plötzlich so viel Geld zu besitzen? Er sei nie ein Materialist gewesen,
beteuerte Potts stets. Aber wie hält er das dann aus? Von Aristoteles
muss er gelernt haben, dass für die Mehrzahl der Menschen zwar Genuss
das Wichtigste sei, dass dessen Befriedigung allerdings nicht glückselig
mache. Der Geist sei das typisch Menschliche und daher nur ein Leben,
das diesen befriedigt, erfüllt. Der Geist aber glänzte in der
Porsche-Arena durch Abwesenheit. Er sei während seines Studiums auch am
Utilitarismus interessiert gewesen, an der Suche nach dem größtmöglichen
Nutzen für alle Menschen. Aber er bezweifle, ob diese Idee der
menschlichen Natur entspreche, sagte Potts einmal in einem Interview mit
der "Zeit". Schade eigentlich, mit diesem Argument hätte er seinen
Auftritt in der Porsche-Arena durchaus begründen können.
© Verena Großkreutz
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