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Sentimentale Melange
Konstantin Wecker betreibt in der Stuttgarter Liederhalle
Vergangenheitsbewältigung in eigener Sache
Rezension
für die Eßlinger Zeitung am 1.3.2006
Sentimentalität ist eine Gemütsverfassung, die sich bei
musikalischer Selbstdarstellung zum Gefühlskitsch steigern kann. Nichts
anderes demonstrierte Konstantin Wecker mit seinem Lied "An meinen
Vater", dem letzten seines Drei-Stunden-Konzertes im Hegelsaal der
Stuttgarter Liederhalle. Über leisem "Nessun dorma"-Geklimper flüsterte
er eine Lobeshymne auf seinen Vater ins Mikrofon, die mit dem Satz
endete: "Wenn ich an meinen Vater denk, denk ich, ach Gott, hab ich ihn
lieb." Dann setzten die Münchner Symphoniker mit der orchestralen
Version des "Nessun dorma" ein: eine Reverenz an den opernsingenden
Vater, die sich bombastisch bis zum Fortissimo possibile steigerte und
Wecker samt Fans die Tränen in die Augen trieb. Diese Art der
Vergangenheitsbewältigung würde man vielleicht in einem mittelmäßigen
Musical erwarten, nicht aber im Konzert eines Mannes, der sich zu den
Intellektuellen zählt, der politisch engagiert ist und sich auf
literarische Größen wie Gottfried Benn und Bert Brecht bezieht.
Das Konzert in Stuttgart war die vierte Station seiner
"WeckErlebnisse"-Tour, die eine Wecker-Werkschau aus dreißig
Bühnenjahren präsentiert: alte und neue Lieder (aber ohne "Willi"),
Filmmusiken und Musicalausschnitte. Mal agierte Wecker souverän am
Klavier, dann ein wenig unbeholfen von der Mitte der Bühne aus.
Unterstützt wurde er von engagiert und begeistert musizierenden
KollegInnen: von den Münchner Symphonikern unter Leitung von Manfred
Knaak, von Heleen Joor (Sopran), Norbert Nagel (Klarinette, Sax, Flöte)
und Jo Barnikel (Tasteninstrumente).
Ein Hang zur Sentimentalität prägte den ganzen Abend. In seinen
Liebesballaden verwendet Wecker recht abgedroschenes Vokabular, sein
Lied über tanzende Börsianer bleibt ohne doppelten Boden, und die
angekündigte Revolution der Rentner findet im Song "Präposthum" in
Gestalt eines Bordell-Besuchs eines Greises statt, der dafür in eine
Nervenklinik gesperrt wird. Wecker sang auch zwei seiner
Brecht-Vertonungen, die durch ihren Pathos allerdings Brechts Intention
glattbügeln.
Nach der Pause ging es mit einer halbstündigen, viersätzigen
Filmsuite weiter, die Manfred Knaak aus Weckers Musik zu Filmen wie "Schtonk"
und "Kir Royal" zusammengestellt und im Stil des spätromantischen
Hollywood-Orchestersounds arrangiert hatte. Leider gab es kaum
schmissige Themen, und der tänzelnde, hüftschwingende, in die Luft
pinselnde Knaak vermittelte nicht gerade den Eindruck eines souveränen
Dirigierstils.
Aber sei’s drum. Dem Fan-Publikum im vollen Hegelsaal gefiel’s. Und
es gab ja auch ein paar Highlights: Etwa, als Wecker das Publikum zum
Singen eines Kanons auf den Text "Ja, glaubt ihr denn wirklich, der Tod
ist so dumm, und hält sich an die Statistik?" animierte; oder den Song
"All die unerhörten Klänge" mit seinem farbigen, mitreißend tänzerischen
Arrangement für Kammerorchester.
Das war Unterhaltung auf hohem Niveau.
© Verena Großkreutz
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