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Gang und Klang der Worte
Von Narrenschiffen und Schicksalsbergen – Reinhard Mey
singt im Beethovensaal
Rezension für die Eßlinger Zeitung
vom 3.11.2005
Reinhard Mey begrüßt das Publikum im Beethovensaal, als
säßen dort ausschließlich alte Freunde. Sichtlich gerührt ist er
vom warmen Empfang, der im bereitet wird, als er fidel auf die
Bühne springt, in kurzärmeligem, schwarzem T-Shirt und dunklen
Jeans. Außer seiner Gitarre und dem Mikrofon steht ihm nur noch
ein ausgehöhlter, leuchtender Kürbis mit freundlichem Grinsen
zur Seite. Innerhalb von Sekunden verwandelt sich das Publikum
in eine große Familie. Erstaunlich, wie unterschiedlich die
Menschen sind, die Reinhard Mey drei Stunden lang aufmerksam
lauschen werden. Alle Generationen sind vertreten, auch
zahlreiche Jugendliche. Mey ist derzeit auf einer Tournee mit
sechzig Konzerten. Zwei davon gibt er in Stuttgart. Beide sind
ausverkauft.
Sichtlich ergraut ist er, aber ansonsten haben ihm seine 62
Lebensjahre scheinbar nichts anhaben können. Körperlich,
stimmlich und instrumental ist er voll auf der Höhe. Auch beim
Erinnern der riesigen Textmengen, die seine Lieder verarbeiten,
hat er keinerlei Schwierigkeiten. Reinhard Mey verfügt über
einen schier unbegrenzten Wortschatz, über Sprachwitz und
poetische Fantasie, und er treibt ein virtuoses Spiel mit den
Reimen, das selbst für deutschsprachige Rapper eine Freude wäre.
Der Text steht im Mittelpunkt seiner ganz eigenen Liedkunst:
Die Melodie beugt sich dem Rhythmus der Worte, die Phrasen
schließen sich, wenn es der Gedanke will, der Gang der Worte
entfacht das Klanggewebe des virtuosen Gitarrenspiels, und die
Form ist wachsweich, so dass sich immer noch drei, vier Worte
mehr unterbringen lassen. Und Mey hat viel zu sagen. Mal
reflektiert er ironisch den Zustand des Betrunkenseins, dann den
der Nation: "Klabautermann führt das Narrenschiff, volle Fahrt
voraus und Kurs aufs Riff!". Er macht sich über die
Rechtschreibreform lustig: "Ihr wisst von mir tausend Dinge,
aber nicht, wie ich sie schreibe!", er entlarvt die verlogenen
Worte Bushs über die Zustände im Gefangenenlager Guantánamo Bay:
"Wir sind die Guten und die anderen die Schlechten, so einfach
ist das mit den Menschenrechten", sinniert über Grabinschriften
auf dem Wiener Zentralfriedhof und singt gegen den Krieg: "Nein,
meine Söhne geb ich nicht". Auch seine Meinung zu Glaubensfragen
tut er kund, nimmt die völlige Technisierung unseres
Alltagslebens aufs Korn: "Ohne Handbuch kannst du gleich das
Handtuch werfen" und erzählt die traurige Geschichte der beiden
Messner-Brüder, die den "Nanga Parbat" bestiegen, was dem einen
das Leben kostete.
Am stärksten ist Reinhard Mey fernab der politischen
Bekenntnisse und Alltagsgeschichten. Wenn er Worte findet etwa
für seine Frankreichsehnsucht, wenn er sich an den ersten
Aufbruch in die Fremde als Elfjähriger erinnert und an die
Belohnung für diesen Mut: das Andere kennen und lieben zu
lernen, dort geistige Nahrung zu finden, eine zweite Heimat.
Dann ist die Mehrschichtigkeit erreicht, die Worte zu Poesie
machen: "Von meiner schweren, dunklen Seele bist du der helle,
federleichte Teil, Douce France."
In seinen Moderationen zwischen den Liedern ist Mey manchmal
ein wenig belehrend, zeigt sich zuweilen betroffen und schrammt
schon mal knapp an der Grenze zur Sentimentalität vorbei, ist
dann aber wieder erfrischend selbstironisch. Stets bleibt er
sympathisch, charismatisch und ein wenig demütig. "Ich danke
Ihnen, dass Sie mir so lange so aufmerksam zugehört haben", sagt
er am Ende. Er kann zufrieden sein. Er hat 2200 Menschen zum
Nachdenken gebracht und sie dabei exzellent unterhalten. Ganz
alleine, mit einer Gitarre, einem Mikrofon und einem grinsenden
Kürbiskopf.
© Verena Großkreutz
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